Belgien verlor, die Klägerinnen gewannen - Ein Kommentar
- Kiflemariam Gebre Wold

- 30. Juni
- 2 Min. Lesezeit

Siebzig Jahre hat es gedauert, bis Belgien rechtskräftig zur Entschädigung von fünf Frauen verurteilt wurde, denen man als Kleinkinder ihre afrikanischen Mütter nahm. Ihre Väter waren Belgier: Männer der Kolonialordnung. Die Kinder passten nicht ins rassistische Raster der Herrschaft. Also wurden sie herausgerissen, in katholische Heime gesteckt, umerzogen und ihrer Kindheit beraubt.
Am 22. Mai 2026 bestätigte der belgische Kassationshof endgültig, was das Berufungsgericht zuvor festgestellt hatte: Diese erzwungene Trennung war kein Verwaltungsfehler, sondern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Léa Tavares Mujinga war zwei Jahre alt, als man sie ihrer Mutter nahm. Für das Herausreißen aus ihrer Familie und die Zerstörung ihrer Herkunft wurden ihr nun 50.000 Euro plus Zinsen zugesprochen.
Das ist kein Akt europäischer Großzügigkeit. Es ist ein juristischer Sieg. Diese Frauen haben lange auf Einsicht gewartet. Dann geklagt. So haben sie einen Staat gezwungen anzuerkennen, was er über Jahrzehnte mit allen Mitteln abwehrte.
Genau darin liegt die politische Bedeutung dieses Urteils. Koloniales Unrecht wird nicht dadurch erledigt, dass Staaten Bedauern äußern. Es wird dort ernst, wo Akten herausgegeben, Verantwortlichkeiten benannt und Entschädigungen erstritten werden. Keine Almosen, sondern juristische Siege.
Belgien steht damit nicht allein. Von Portugal bis Schweden, von Großbritannien bis Spanien tragen europäische Staaten koloniale Gewaltgeschichten in sich. Europa nennt sich gern Friedensprojekt. Wer heute Schutzrechte amputiert und Außengrenzen hochrüstet, sollte mit Friedensrhetorik vorsichtig sein.
Für jene, deren Länder zuvor ausgeplündert, missioniert und rassistisch sortiert wurden, bedeutet Europas Selbstlob nichts. Es ist keine Frage nach europäischer Reue – sondern um Macht, Recht und politische Durchsetzung. Belgien hat diesen Prozess verloren. Die fünf Frauen haben ihn gewonnen. Das Urteil ist gefährlich: für alle Staaten, die ihre koloniale Vergangenheit als Erinnerung verwalten, statt die politische Rechnung zu begleichen.




