Senegal nach Afrikameisterschaft: "Ein beispielloses Vorgehen" - Ein Interview mit Coumba Ndoffène
- David Bieber

- vor 6 Tagen
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Zuerst der Sieg, dann der Entzug des Afrika-Cups durch die Afrikanische Fußballkonföderation (CAF): Wie haben Sie dieses Wechselbad der Gefühle erlebt?
Coumba Ndoffène: Die Entscheidung der CAF, Marokko am grünen Tisch zum Sieger zu erklären und Senegal den Titel abzuerkennen, ist beispiellos. Wie kann man zwei Monate nach dem Wettbewerb auf eine derart absurde Entscheidung zurückkommen, nach einem Verfahren, das von Unregelmäßigkeiten geprägt war? Das ist inakzeptabel, und wir glauben, dass der Internationale Sportgerichtshof (CAS) uns Recht geben wird.

Die Stimmung nach dem Titel war sehr positiv und nahezu elektrisierend. Wie war die Lage im Land nach der schmerzhaften Entscheidung der CAF?
Ndoffène: Die Nachricht löste große Überraschung und starke Emotionen aus. So etwas hat es in der Geschichte des Afrika-Cups noch nie gegeben. Es wirkt, als könne Marokko die Niederlage im eigenen Land nicht verkraften und sei bereit, alles zu tun, um unseren Sieg zu sabotieren. Man muss sich vorstellen: Seit dem Finale werden senegalesische Fans weiterhin in Marokko festgehalten, obwohl beide Länder gute diplomatische und religiöse Beziehungen pflegen. Nach der Verurteilung unserer Landsleute in der Berufung frage ich mich, was von der viel beschworenen senegalesisch-marokkanischen Brüderlichkeit noch übrig ist. Während wir auf die Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs warten, die wir zu unseren Gunsten erwarten, rufen wir die senegalesischen Behörden dazu auf, aus dieser Angelegenheit Konsequenzen zu ziehen und eine entschlossene Haltung einzunehmen.
Warum ist dieser Entzug – also das „Aberkennen eines sportlich errungenen Titels“, wie einige Medien schreiben – ungerecht?
Dieser Entzug ist aus mehreren Gründen ungerecht. Zuerst verstößt er gegen die Spielregeln. Sobald ein Spiel beendet und vom Schiedsrichter bestätigt wurde, kann die CAF das Ergebnis auf dem Platz nicht annullieren – selbst nach einem vorübergehenden Rückzug einer Mannschaft nicht. Das Berufungsgremium hat Spielszenen zu einer "Forfait-Niederlage" (Anm.d.R. ein Spiel wird wegen Nichtantretens, Regelverstoßes oder ungültiger Spielerlizenz am grünen Tisch entschieden) umgedeutet – eine Entscheidung, die als unverhältnismäßig und rechtlich fragwürdig gilt. Zudem hat die Entscheidung eine Krise ausgelöst. Senegal prangert Unregelmäßigkeiten an und fordert eine Untersuchung wegen Korruptionsverdachts innerhalb der CAF. Obwohl das Spiel fortgesetzt und zu Ende gespielt wurde, entschied die CAF, das Ergebnis nachträglich umzuschreiben und Marokko einen 3:0-Sieg am grünen Tisch zuzuerkennen. Alles sehr merkwürdig. Die Tatsache, dass Senegal nach dem Vorfall wieder auf den Platz zurückkehrte, verändert die Auslegung der Artikel 82 und 84 der CAF-Regularien, auf die sich Marokko bei seinem Einspruch stützte. Da der Rückzug nicht endgültig war, wurde das Spiel regulär beendet.
Kann dieser „Erfolg“, der sportlich errungen wurde, aber nun am grünen Tisch zum Vize-Titel geworden ist, das Land nach den jüngsten politischen Spannungen dennoch einen?
Ndoffène: Wir betrachten uns weiterhin als Afrikameister, bis der Internationale Sportgerichtshof entscheidet – und wir hoffen auf ein positives Urteil. Selbst wenn der CAS wider Erwarten Marokko Recht geben sollte, weiß die internationale Öffentlichkeit, dass sie Senegal unterstützt und dass wir die wahren Champions sind.
Schwenk zur Politik in Senegal, die gerne den Fußball als Vehikel zur Förderung der nationalen Einheit benutzt: Was hat Bassirou Diomaye Faye als Präsident der Republik Senegal in fast zwei Jahren erreicht?
Ndoffène: Der Präsdent Bassirou Diomaye Faye hat in zwei Jahren viel erreicht. Die Franzosen bzw. ihr Militär sind abgezogen und sie haben ihre Basen zurückgeben. Ich denke aber auch an die Neuverhandlung von Verträgen über die Ausbeutung natürlicher Ressourcen mit ausländischen Ländern oder an die Rückgewinnung von mehreren Milliarden CFA-Franc durch die Abrechnung von liegengebliebenen Rechnungen. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind gesunken. Landwirte wurden verstärkt unterstützt. Projekte wurden gestartet, um den Zugang zu Trinkwasser und Elektrizität, insbesondere in ländlichen Gebieten, zu gewährleisten. Und: Es gibt Programme zur Eindämmung der Schulden, zugleich werden aber die Gehältern für Beamte trotz der Schuldenkrise ausbezahlt, was Stabilität bringt.
Wie bewältigt Senegal derzeit die internationale Energiekrise, ausgelöst durch den Krieg zwischen den USA und dem Iran?
Ndoffène: Senegal begegnet der internationalen Energiekrise von 2026, die durch die Invasion Irans am 28. Februar ausgelöst wurde, mit einer Strategie zum Schutz seiner Wirtschaft angesichts explodierender globaler Energiepreise. Obwohl das Land inzwischen Öl- und Gasproduzent ist, bleibt es verwundbar, da die Raffineriekapazitäten noch nicht ausreichen, um den Inlandsbedarf vollständig zu decken. Um die Auswirkungen abzufedern, hat die Regierung vorbeugende Maßnahmen ergriffen. Der Ministerrat hat beschlossen, die Versorgung mit kritischen Gütern zu sichern und Preisspekulation zu bekämpfen. Und trotz eines Anstiegs der Weltmarktpreise um 60 Prozent seit Februar hat der Staat die Preise bisher stabil gehalten, auch wenn eine Erhöhung bei anhaltender Krise wahrscheinlich ist. Letztlich verstärkt die Krise den Willen, wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erreichen, insbesondere durch den "Nationalen Energiepakt", der das Ziel hat, bis 2030 einen Anteil von 40 Prozent erneuerbarer Energien zu erreichen.
Infokasten
Coumba Ndoffene ist ein senegalesischer Journalist und Analyst aus der Hauptstadt Dakar.




