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Tschad: Verflechtungen zum Bürgerkrieg in Sudan

Am 23. Februar schloss Tschad „bis auf Weiteres“ seine Grenze zum Bürgerkriegsland Sudan. Diese Grenze ist rund 1.400 Kilometer lang und führt durch Wüsten- und Halbwüsten-Gebiete. Aktuell darf sie nur von Geflüchteten überquert werden. Die tschadische Regierung in der Hauptstadt N´Djamena begründete diesen Schritt mit der sich zuspitzenden Sicherheitslage im Grenzgebiet. So war es dort zwei Tage zuvor zu schweren Kämpfen zwischen der Sudanesischen Armee (Sudanese Armed Forces, SAF) und den Rapid Support Forces (RSF) gekommen. Die SAF und RSF bekämpfen sich seit Frühjahr 2023 im Sudanesischen Bürgerkrieg.


Tschad und Sudan © Lara Jameson, Pexels
Tschad und Sudan © Lara Jameson, Pexels

Die staatlichen Institutionen des Tschad sind nur schwach ausgeprägt, und politische Loyalitäten hängen daher vor allem von ethnischen Zugehörigkeiten ab. Nun gibt es im Tschad viele verschiedene ethnische Gruppen. Seit der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1960 dominieren die Volksgruppen aus dem Norden. Sie sind mit eng mit der sudanesischen Region Darfur verflochten, denn beiderseits der Grenze leben dieselben Volksgruppen. Dazu gehören auch arabische Gemeinschaften und Zaghawa. Letztere sind im Tschad die politisch tonangebende Gruppe, werden in Sudan aber seit Jahrzehnten von der arabisch dominierten Regierung in Khartum unterdrückt. Dieser Sachverhalt hat wiederholt zu Spannungen zwischen Tschad und Sudan geführt. Eine Wende trat zunächst im Jahr 1990 ein. Damals setzte Idriss Déby, ein Zaghawa, mit der Unterstützung Sudans die tschadische Regierung ab und ergriff in N´Djamena selbst die Macht. Déby legte danach Wert auf gute Beziehungen zu Khartum. Als 2003 in Darfur ein weiterer von Zaghawa angeführter Aufstand gegen die sudanesische Regierung begann, hielt er sich mit dessen Unterstützung zunächst zurück. Erst der Druck aus seinem näheren Umfeld bewog ihn dazu, die Rebellion doch noch mit Geld und Waffen zu unterstützen. Idriss Déby kam schließlich 2021 bei einem Attentat ums Leben. An seine Stelle rückte sein Sohn Mahamat.


Nicht lange danach, im Frühjahr 2023, begann der sudanesische Bürgerkrieg zwischen den SAF und den RSF. Letztere waren aus den Janjaweed-Milizen hervorgegangen, auf die sich die sudanesische Regierung bei der Aufstandsbekämpfung in Darfur gestützt hatte. Die Janjaweed waren dafür berüchtigt, schwere Kriegsverbrechen bis hin zu Völkermord zu begehen und waren die Hauptfeinde der Zaghawa. Insofern lag es nahe, dass sich die Zaghawa nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Sudan mit den SAF verbündeten, was auch geschah. Es wurde erwartet, dass auch Mahamat Déby dieses Bündnis unterstützt. Es kam jedoch anders und der neue tschadische Präsident verbündete sich im Gegenteil mit den Rapid Support Forces. Dieses Bündnis wurde ihm von vielen Zaghawa im Tschad sehr übelgenommen. Beobachter*innen meinen, dass sich „Kaka“ damit der Gefahr eines Putsches gegen sich aussetzt, der einen seiner engsten Verwandten an die Macht bringen könnte. Umgekehrt kann aber auch ein Sieg der RSF im Sudanesischen Bürgerkrieg zu einem Aufstand der arabischen Gemeinden im Tschad führen, um die andauernde Herrschaft der Zaghawa zu beenden.


Unter diesen Umständen stellt sich die Frage, weshalb Mahamat Déby weiter an der Unterstützung der RSF festhält. Die Antwort darauf könnte mit dem „Nationalen Entwicklungsplan“ des Tschad zusammenhängen. Die Regierung Déby möchte rund 30 Milliarden US-Dollar an Investitionen nach Tschad ziehen, um ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum im Land zu generieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Hauptpartner bei diesen Investitionen sind die Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Diese möchten ihren Einfluss auf das Horn von Afrika sowie in der Sahelzone ausweiten und sind daher vor allem an Sudan als dem Schnittpunkt beider Regionen interessiert. In Darfur lockt zudem die Möglichkeit, die dortigen Goldvorkommen abzubauen. Daher setzen die VAE auch auf die RSF und ihren womöglichen Sieg über die sudanesische Armee. Basis der Rapid Support Forces ist die Region Darfur. Das macht Tschad zum Schlüsselland für die Emirate, denn der Nachschub für die RSF muss über dieses Land laufen. Damit steht Mahamat Déby vor einem Dilemma: Wenn er an dem Bündnis mit den RSF und den VAE festhält, riskiert er seinen Sturz durch die Zaghawa-Eliten. Wendet er sich aber von seinen Alliierten ab, könnte er die Unterstützung der Vereinigten Arabischen Emirate verlieren und damit seine Wirtschaftsreformen nicht mehr durchsetzen. Die Folge eines ökonomisch erfolglosen Präsidenten könnte wiederum sein Sturz sein.

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